Das Neujahrsschäfchen

Auf meinem Schreibtisch steht ein Sparschaf. Dort hinein wandern im Laufe des Jahres diese und jene Münzen, die meine Geldbörse zu überfüllen drohen, Cent-Münzen, auch schon mal ein Euro. Zum Jahreswechsel leert es in der Bank meines Vertrauens ein Mitmensch dort, ich sortiere auf dem Zählbrett die Teilchen, er oder sie schreibt mir die Summe gut und meine Enkeltochter freut sich über einen kleinen Zuschuss aus diesem Schlachtefest. So wanderte ich auch diesmal nach Jahresanbruch zur Bank, durchquerte die abstandhaltende Warteschlange vor den Geldautomaten.

Am Bankschalter erklärte mir eine freundliche Mitarbeiterin „das können Sie jetzt alles selbst machen, ganz einfach..“. Sie blickte auf, musterte mich, registrierte die mir eigene Alterskohorte und setzte fort „ach, ich zeig’s Ihnen mal“, streifte die Maske über und schritt mir voran zum passenden Automaten. „Sehn Sie, hier schieben Sie Ihre EC-Karte rein, tippen auf Einzahlen. Dann schütten Sie den Inhalt in dieses Fach…“ Aha. „Geben Sie mal her, ich schließe gerade mal Ihr Sparschwein auf. Hier sind zwei Schlüssel angebracht, einer passt dann“, sie steckte den ersten Schlüssel in den Bauch des Schweinchens. Passte nicht. Dann den zweiten. Passte auch nicht. Das Sparschwein blickte skeptisch, es war schließlich ja ein Sparschaf. „Ich hol grad mal den Schlüssselbund“. Schon der vierte der diversen Schlüssel funktionierte. Nun die Karte in den Schlitz, eine Einfüllmulde öffnete sich, beleuchtet. „Hier also jetzt des Geld rein…“ Sie hielt die Öffnung über die Mulde. Das Schäfchen hielt sein Geld fest. Es tröpfelte sozusagen heraus, meine Beraterin nahm den Finger zu Hilfe, puhlte in seinen Eingeweiden. Die Einfüllmulde schloss sich, das Licht verlosch. Der Automat fragte „Eingabe beendet? Eingabe fortsetzen?“. Irritiert bat sie mich, doch bitte „Eingabe fortsetzen“ anzutippen. Die Mulde öffnete sich, die Beleuchtung schaltete sich ein. Jetzt begann meine Begleiterin, ärgerlich, mit aller Gewalt das Schaf zu schütteln, und, siehe da, es rann und purzelte und die Mulde füllte sich und die Maschine begann hörbar zu arbeiten, Ströme von Münzen klickerten irgendwo, ein letztes Schütteln, nun schnell noch „da unten ist ein Ausgabefach, in das laufen die Münzen, die der Automat nicht erkennt“.

Gehorsam bücke ich mich zum Fach hinunter, und, wie erstaunlich, darin hat sich fast die Hälfte des oben eingefüllten Inhalts gesammelt. Der Automat behauptet „nicht als Geld erkannt“ und nervt „Eingabe beendet?“ Die Eingabemulde schließt sich… aber das kennen wir ja schon. Entgeistert schaut meine Fachfrau auf die Münzsammlung – einwandfrei, alles Geld, alles Euromünzen. Ich knipse mal die Sammlung. Meine vorsorglich leise gesprochene Vermutung, „vielleicht hat der Automat Durchfall?“ hört sie nicht oder überhört sie nur. Sie seufzt „müssen wir nochmal oben einschütten, ich weiß auch nicht…“ So geschieht es. Wieder arbeitet die Maschine, nervös lauschen wir auf das verdächtige Klickern, ein paarmal klickert es noch, aber selten. „Eingabe beendet?“ Erleichtert tippe ich drauf, die paar Münzen aus dem Fach klaube ich zusammen und hebe sie fürs nächste Jahr auf. Nun spuckt der Automat die Quittung aus, serviert meine EC-Karte zurück. Die freundliche Mitarbeiterin verlässt mich mit der nachdenklichen Bemerkung „also das hätten Sie ja nie geschafft“, und ich antworte, „vorhin sagten Sie ganz einfach. So ist es mit den Wundern der Technik. Und Dank für Ihre Hilfe“. Sie lächelt, zum ersten Mal, und antwortet „da nich für!“. Nun verstaue ich das Sparschaf wieder in der mitgenommenen Tasche, durchquere die Warteschlange vor dem Ausgang. Höre ich da aus der Tasche ein leises schadenfrohes Kichern? Kann ja nicht sein, war wohl ein Geräusch aus der sich öffnenden Tür. Die Enkeltochter schrieb auf WhatsApp „Wow, danke, lieber Opa“. Immerhin, es waren 78 Euro und 27 Cent.

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